Samstag, 16. September 2006

Hier kommt jetzt endlich mein erster richtiger Bericht aus Mexiko. Ich bin vor 17 Tagen zusammen mit Franzi, einer anderen Freiwilligen, um 7 Uhr abends in Mexico-Stadt gelandet. Unser Flug war lang (fast 12 Stunden), aber zu zweit dann doch ganz angenehm.

Nachdem wir unser Gepäck abgeholt und die Migración passiert hatten, sind wir mit dem Bus sofort weiter gefahren nach Puebla. Zum Glück hatten wir einen Herren mit Sackkarre, der uns mit unseren Koffern half und auch gleich noch direkt zum richtigen Bus brachte.

Nach ca. zwei-stündiger Fahrt, bei der wir leider nicht viel von der Gegend sehen konnten, weil es schon dunkel war, kamen wir in Puebla an, wo uns ein Freund von der Bus-Station abholte.

Franzi und ich hatten vorher mit Frau Mazzini, der Direktorin vom Casa del Sol, abgesprochen, dass wir erst am 4. September dort sein würden. So hatten wir noch 4 Tage Zeit, uns ein bisschen von der Reise zu erholen, die Zeitumstellung zu verarbeiten und uns in Puebla umzusehen.

Während dieser 4 Tage haben wir in einem Hostal ziemlich in der Innenstadt Pueblas gewohnt. Das Badezimmer unseres Schlafsaals war gewöhnungsbedürftig, aber ansonsten waren das Hostal und die Stimmung wirklich angenehm und die Leute nett.

Wir waren viel in der Innenstadt unterwegs, haben jede Menge Sehenswürdigkeiten besucht, die ich zum Teil von meiner Reise letztes Jahr schon kannte. Wir waren auf dem Kunsthandwerkermarkt El Parián, im Künstlerviertel, auf dem Antiquitätenmarkt Los Sapos, in den ehemaligen Klöstern Santa Mónica und Santa Rosa, in verschiedenen Museen und Kirchen und an Franzis Geburtstag am Sonntag haben wir einen Ausflug in das kleine Städtchen Cholula gemacht.

Wir haben Cemitas, den berühmten Mole Poblano und geröstete Grillen probiert und sind abends tanzen gegangen. Insgesamt waren die Tage doch nicht ganz so entspannend, dafür aber sehr spaßig. Unsere einzigen Zwangs-Pausen waren meist die während der Regenzeit fast täglichen wolkenbruchartigen Schauer.

Für mich war es ein unglaublich schönes Gefühl, wieder in Mexiko zu sein. Ich habe mich sofort total wohl und so mitten im Leben gefühlt und habe mich erst mal, so lange ich das noch konnte, von der Stimmung, dem Trubel und den Menschen mitziehen lassen. Genau wie letztes Jahr, als ich nach mehr als einem Jahr wieder in Mexiko war, hat es sich für mich beinahe so angefühlt, als wäre ich endlich wieder zu Hause.

 

Montag sind Franzi und ich dann einigermaßen früh aufgestanden und haben nach einem reichlichen Frühstück unser ganzes Riesengepäck in ein Taxi gehievt und sind zum Casa del Sol gefahren. Unser zukünftiges Zuhause und neuer Arbeitsplatz lag noch weiter außerhalb, als wir befürchtet hatten; selbst mit dem Taxi waren wir ziemlich lange unterwegs.

Auf der Fahrt zum Casa del Sol waren wir dann doch beide ziemlich aufgeregt und gespannt, wie das Heim aussehen würde, wie wir empfangen werden würden, wie genau unsere Arbeit aussähe und so weiter.

Wie meistens war dann alles gar nicht so schlimm; wir sind von Frau Mazzini total herzlich empfangen worden. Sie hat uns das ganze Haus, den Garten und unsere Zimmer gezeigt und uns erklärt, wie und wann wir arbeiten würden und an welche Regeln wir uns zu halten hätten. Den Montag hat sie uns Zeit gegeben, uns in Ruhe im Haus und in der Gegend umzusehen und erst am Dienstag sollten wir anfangen, zu arbeiten.

Wir haben uns dafür entschieden, nach einem Rundgang im Haus, erst mal die Gegend ein wenig zu erkunden. Es gibt eigentlich alles, was wir so brauchen, recht nah bei. Ein Internetcafe, eine Wäscherei, außer den vielen kleinen Lädchen auch einen riesigen Supermarkt, einen schönen Park mit Teich und Grünflächen und ein Shoppingcenter, in dem eigentlich auch alles sonstige zu haben ist.

Nachmittags haben wir uns dann noch etwas genauer im Casa del Sol umgesehen, das meiste haben wir dann so nach und nach in den darauffolgenden Tagen mitbekommen.

 

Im Casa del Sol leben doch deutlich mehr Kinder, als ich vorher gedacht hatte – es sind knapp 60. Die Kinder sind in drei Gruppen aufgeteilt. Es gibt einen Bereich für die Babys, einen für maternales, das sind die Kinder, die schon laufen können bis ca. 4 Jahre und einen Bereich für die preescolares, das sind die älteren Kinder bis ungefähr 6 oder 7 Jahre. Der Wohnbereich der preescolares ist getrennt für Mädchen und Jungen. Jede Gruppe hat einen Schlafraum und einen Raum zum Spielen und für ähnliche Aktivitäten. Außerdem gibt es einen großen Garten mit Schaukeln, Rutschen, Karussels und jeder Menge anderer Spielmöglichkeiten sowie einem überdachten Pavillon.

Für die maternales und preescolares gibt es einen gemeinsamen Essraum und die Küche, die Wäscherei und die Zimmer der Freiwilligen liegen etwas abseits vom Hauptgebäude.

Franzi und ich wohnen zusammen in einem Zimmer. Nebenan wohnen eine Freiwillige mit Rollstuhl aus der Schweiz und noch eine andere aus Belgien, mit denen wir uns ein Badezimmer teilen.

Unser Zimmer ist recht klein, aber durchaus aushaltbar. Wir haben einen Schrank, einen Schreibtisch und einen Stuhl. Außerdem noch ein großes Fenster, was den Raum wirklich ganz nett macht.

Manuela und Anouk, unsere beiden Zimmernachbarinnen, sind schon ein bisschen länger hier im Casa del Sol und haben uns deshalb einiges erzählen und ein paar Tipps geben können.

Verpflegung bekommen wir hier im Haus – in der Küche können wir uns nehmen, was wir finden. Das Essen ist zwar meistens sehr lecker, aber doch etwas  einseitig. Zum Frühstück gibt es meist nur Toastbrot, allerdings gibt es keinen Toaster und oft auch nichts, was man zu dem Brot essen könnte. Mittags wird gekocht – bisher hat es immer irgendeine Art von Suppe gegeben – manchmal mit Reis. Abends wird nicht noch einmal gekocht, deshalb gibt es für die Freiwilligen – wenn wir nicht selber einkaufen und kochen - abends meistens das Gleiche wie mittags.

Zum Wäsche-Waschen gibt es eigentlich eine Maschine extra für die Freiwilligen. Die ist aber leider kaputt und deshalb müssen wir unsere Wäsche entweder von Hand waschen oder in die Wäscherei tragen.

Abends werden wir nur bis 10 Uhr in das Haus reingelassen. Am Wochenende ist das manchmal schade, aber wenn wir Bescheid sagen, ist es auch überhaupt kein Problem, wenn wir eine Nacht nicht hier sind.

 

Franzi und ich haben fast den gleichen Tagesablauf. Wir arbeiten von Montag bis Freitag von 7:00 bis 15:00 Uhr. Ein paar Mal haben wir schon Überstunden machen müssen oder sind gebeten worden, statt vormittags nachmittags zu arbeiten. Das Wochenende haben wir komplett frei.

Wir sind beide bei den maternales, also den 2-4 jährigen, eingeteilt. Dort helfen wir morgens, alle 15 Kinder zu duschen, zu wickeln, einzucremen und anzuziehen. Danach begleiten wir die Kinder zum Frühstück und helfen den kleineren beim Essen. Morgens gibt es für die Kinder oft Obst, manchmal Brot oder Joghurt und Milch.

Nach dem Essen werden die Kinder für den Kindergarten fertig gemacht, d.h. Zähne putzen, Uniform und Schuhe anziehen, frisieren, eincremen und allen ein bisschen Parfüm ins Gesicht tätscheln.

Morgens ist alles immer superhektisch und muss schnell gehen, was für uns stressig, für die Kindern aber wohl noch viel stressiger ist.

 

Gegen 9:15 geht´s dann im VW-Bus zum Kindergarten. Das ist zum Glück nicht sehr weit, denn es ist praktisch unmöglich, alle 15 Kinder dazu zu bewegen, sich hinzusetzen und das macht die Fahrt nicht ganz ungefährlich.

Im Kindergarten gibt es 5 verschiedene Gruppen. Angefangen mit den ganz Kleinen ab ungefähr 2 Jahren, bis zu den 6-7 jährigen. Ich bin in einer Gruppe mit 5-6 jährigen Kindern. Vom Stil her ist der Kindergarten meinem Empfinden nach eher eine Schule: Die Kinder sitzen 4 Stunden lang fast ohne Unterbrechung auf ihren Stühlen und malen Bilder genau nach Anweisung aus, lernen einen neuen Buchstaben oder ein Lied auswendig. Gerade in den beiden Wochen vor dem 15. September, an dem die Unabhängigkeit Mexikos gefeiert wird, hatten die Kinder viel zu tun, denn sie sollten auf der Feier marschieren, ein Theaterstück aufführen, ein Lied singen und einen Tanz tanzen.

Der Unterricht ist sehr streng und die Stimmung ziemlich angespannt. Die Lehrerin ist mit fast allem, was die Kinder tun, unzufrieden, positive Worte oder Lob sind eher selten. Ich will den Unterrichtsstil auf keinen Fall niedermachen oder überhaupt in irgendeiner Weise bewerten, aber ich persönlich bin mit dem Umgang nicht ganz einverstanden und es fällt mir schwer, mich hinter die Lehrerin zu stellen und ihren Unterricht zu unterstützen. Teilweise war ich sogar schon beinahe  genervt, z.B. als die Kinder den Tanz für die Feier am 15. September lernen sollten und jedes Mal sehr beschimpft wurden, weil die angeblich etwas falsch gemacht hatten. Dabei war es die Lehrerin, die den Tanz jedes Mal anders getanzt hat!

Während der Pause von 11:00 bis 11:30 bin ich zur Aufsicht auf dem Hof, kann mich aber trotzdem mal ein Weilchen hinsetzen und etwas essen.

Gegen 12:30 fahre ich dann mit den maternales zurück ins Casa del Sol. Dort werden sie wieder umgezogen und zum Essen begleitet. Nach dem Essen werden die Zähne geputzt, alle Kinder gewickelt und frisiert und dann können sie endlich spielen gehen. Meistens ist das Wetter gut, sodass die Kinder draußen im Garten spielen können.

 

Insgesamt ist der Umgang mit den Kindern auch hier im Haus sehr streng. Wer beim Essen zu langsam ist, dem wird der Rest regelrecht in den Mund gestopft, die vorgesehene Portion Essen – nicht mehr und nicht weniger – muss gegessen werden und wenn ein Kind weint, wird ihm gesagt, es solle leise  sein. Dass in einem Heim mit 60 Kindern wenig Zeit für jedes einzelne Kind bleibt und dass es beinahe unmöglich ist, auf die speziellen Bedürfnisse eines jeden von ihnen einzugehen, sehe ich ein und natürlich ist es mit so vielen Kindern auch nötig, dass gewisse Regeln einfach eingehalten werden. Trotzdem war ich erst mal erschrocken und ich denke, dass sich einige Dinge doch auch anders machen ließen...

Mein Gefühl hier im Casa del Sol ist aber anders als in der Schule, weil sich das Haus doch mehr als die Schule zum Ziel gesetzt hat, für die Kinder da zu sein und das ist auch meine Aufgabe hier. Dabei habe ich genug Freiraum, die Kinder so anzusprechen, wie es sich für mich richtig anfühlt und sobald die Kinder spielen gehen können, ist meist auch genug Zeit, sich mal ein Weilchen ganz speziell nur um ein Kind zu kümmern.

So macht mir meine Arbeit auf jeden Fall sehr viel Spaß und obwohl ich nicht mit allem ganz und gar einverstanden bin, habe ich absolut das Gefühl, etwas zu tun, was ich voll und ganz unterstütze und was mit Sicherheit auch das Ziel des Casa del Sol ist – nämlich den Kindern so viel Aufmerksamkeit, Fürsorge und Sicherheit wie möglich zu geben.

Zur Zeit bin ich, wenn ich um 15:00 gehen darf, meistens immer noch so fertig, dass ich sofort ins Bett falle und mich zu kaum noch etwas aufraffen kann. Ich hoffe, dass das mit Zeit etwas nachlässt, ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen und Monaten auf mich zukommt, wünsche mir, noch ganz viel Zeit wirklich mit den Kindern verbringen zu können und freue mich total, dass ich noch so viel Zeit hier im Casa del Sol, in Puebla und in Mexiko vor mir habe.

Einige Foto liefere ich baldmöglichst nach....

Alles Liebe und bis bald, für Rückmeldungen und Meinungen etc bin ich immer dankbar....:)

Paula