Sonntag, 29. Oktober 2006
Jetzt sind Franzi und ich seit genau zwei Monaten hier im Casa del Sol und ich glaube, dass wir uns inzwischen ziemlich gut eingelebt haben.
Die Arbeit ist immer noch anstrengend, aber längst nicht mehr so erschöpfend, wie in den ersten paar Wochen. Umso mehr Spaß macht es, den Tag mit den Kindern verbringen zu können und umso mehr kann ich die Momente genießen, in denen ich mich wirklich um die Kinder kümmern kann und es nicht nur darum geht, schnell mit dem Duschen, Wickeln, Anziehen, Essen usw. fertig zu werden.
Inzwischen weiß ich, was mich während der Arbeit so erwartet und was von mir erwartet wird. Und vor allem habe ich die Kinder schon ganz gut kennengelernt. Die haben natürlich alle ihre ganz speziellen Eigenschaften und es fällt leichter, mit ihnen umzugehen, wenn man sie ein wenig kennt.
Oft merke ich, wie sehr die Kinder um Aufmerksamkeit ringen – manche Kinder werfen sich bei jeder Gelegenheit schreiend auf den Boden und brauchen dann erst einmal eine Extra-Einheit Streicheln oder geduldiges Zureden, um sie dazu zu bringen, überhaupt wieder irgendetwas zu tun. Manche Kinder fangen je nach Laune lauthals an zu heulen, wenn ein anderes Kind sie nur berührt hat. Oder ganz einfach merkt man es auch daran, dass sich fast alle Kinder jeder x-beliebigen Person in die Arme werfen, um eine kleine Portion Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit abzubekommen.
Seit wir hier sind, sind schon 5 Kinder adoptiert worden und genauso viele Kinder sind neu in das Casa del Sol gekommen. In unserer Gruppe, den Maternales, ist ein Kind dazugekommen und letzte Woche ist ein Mädchen in eine neue Familie gekommen und nächste Woche zieht ein zweites Mädchen in ein neues Zuhause.
Ich habe ziemlich gemischte Gefühle, wenn ein Kind dann plötzlich geht. Einerseits freut es mich natürlich total, denn was die Kinder hier am allermeisten brauchen, ist eben eine Familie, in der sie feste Bezugspersonen, Zuwendung, Zärtlichkeit und Sicherheit finden. Andererseits fällt es mir doch nicht ganz leicht, die Kinder einfach gehen zu lassen und wohl nie wieder von ihnen zu hören und zu erfahren, wie es ihnen ergeht.
Ich ertappe mich oft dabei, dass ich mir darüber Gedanken mache, wie die Kinder in ihren neuen Familien zurecht kommen, aber noch viel öfter, wie ich überlege, was sie wohl schon erlebt haben mögen und warum sie hier im Heim sind. Ich kenne nur von sehr wenigen Kindern Bruchteile ihrer Geschichte und meistens bin ich dann doch froh, nicht mehr zu wissen, weil ich denke, darum geht es nicht. Vielmehr glaube ich, dass es wichtig ist, den Kindern jetzt zu helfen, Selbstvertrauen aufzubauen – unabhängig von dem, was ihnen passiert sein mag.
Ich habe angefangen, mit den Kindern zu malen. Die meisten sind total begeistert und lieben es, zu malen – ich glaube, hier im Haus haben sie eher selten die Gelegenheit dazu. Zuerst habe ich nur mit Andrés gemalt, mit dem ich zweimal in der Woche ins Krankenhaus zur Therapie fahre, wo wir immer eine Weile warten müssen, bis er an der Reihe ist. Seitdem fragt Andrés mich fast jeden Tag, wann wir wieder zur Therapie gehen und ob er dann malen kann.
Nachmittags ist dann manchmal Zeit, damit auch die anderen Kinder malen und inzwischen habe ich fast einen ganzen Block voll mit Zeichnungen, in denen die Kinder offensichtlich jede Menge zu erzählen haben. Ich finde es so schön zu sehen, dass man den Kindern mit so einfachen Mitteln die Möglichkeit geben kann, so viel loszuwerden. Und genau deshalb finde ich es auch so schade, dass ihnen die Möglichkeit hier im Haus nicht geboten wird.....
An meinem normalen Arbeitstag-Ablauf hat sich eigentlich nichts geändert. Morgens und mittags bin ich bei den Maternales und den Vormittag verbringe ich mit den Preescolares in der Schule.
In der Schule ist es recht abwechslungsreich. Es gibt jede Menge Projekte und Feiern und vor ein paar Wochen haben wir einen Ausflug zu einer Brot- und Keksfabrik gemacht, der besonders für die Kinder, aber auch für die Lehrerinnen, Eltern und für mich, ganz interessant war.
Einmal hatte ein Kind (das nicht im Casa del Sol wohnt) Geburtstag und es gab für die ganze Schule eine riesige Party mit Hüpfburgen, Kuchen und Pizza.
Am 15. Oktober wurde die Ankunft Cristopher Columbus´ am „Día de la Raza“ gefeiert und nächste Woche, am 1. und 2. November, wird hier in Mexiko der „Día de los Muertos“ (Tag der Toten) gefeiert, an dem den Toten ein Altar mit Kerzen, Früchten, Süßigkeiten und Blumen gerichtet wird, um sie an diesem Tag, an dem sie das Reich der Lebenden besuchen und zu ihren Angehörigen zurückkehren, herzlich zu empfangen und ihnen nach der anstrengenden Reise ein gutes Mahl anzubieten. Dieser Tag wird überall in Mexiko sehr groß gefeiert und auch in der Schule wird ein Altar aufgestellt und geschmückt.
Franzi und ich haben von Mittwoch, dem 1. November bis Sonntag frei und wollen die Gelegenheit nutzen, um einige kleine Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen.
Unsere freien Nachmittage haben sich nach und nach mit Dingen wie Wäsche-Waschen, Bad-Putzen etc. mehr oder weniger gefüllt. Zweimal in der Woche gehen wir beide zum Yoga, das hier direkt nebenan in der Universität angeboten wird.
Die restlichen drei Tage der „Arbeits-Woche“ nehme ich seit kurzem Judo-Unterricht, den ich umsonst bekomme, nachdem ich meinem Lehrer Rafael erzählt habe, dass ich als Freiwillige im Casa del Sol bin und nicht verdiene. Rafael ist nett, Judo macht Spaß und ist ein echt guter Ausgleich zur Arbeit.
An den Wochenenden unternehmen wir öfter mal etwas, meistens tagsüber, um abends um 10 brav wieder im Haus zu sein. Dieses Wochenende hat Rafael uns eingeladen, mit ihm die Ruinenstätten von Cacaxtla und Xochitécatl zu besuchen, die so um 300 v.C. erbaut wurden und damit zu den ältesten Ruinenstätten gehören, die in Amerika bisher entdeckt worden sind.
Die zwei Monate, die ich jetzt hier bin, sind unglaublich schnell vergangen, obwohl ich das Gefühl habe, schon unendlich viel erlebt zu haben in dieser Zeit. Im Rückblick habe ich eigentlich immer genau dieses Gefühl, aber so kommt mir das Jahr hier in Mexiko, bzw. die 10 Monate, die davon noch vor mir liegen, auch ziemlich kurz vor.
Ich genieße es absolut, hier zu sein und im Moment könnte ich mir kaum vorstellen, irgendetwas anderes zu tun, als das, was ich zur Zeit tue.
Alles Gute und liebe Grüße aus Mexiko,
Paula